Es ist ein Irrtum anzunehmen, dass Prokrastination mit einem herzhaften „Du musst es nur tun“ heilbar ist. Das ist genau so irrig wie die Annahme, man könnte Depressionen mit einem motivierenden „Kopf hoch“ beschwichtigen. Krankhafte Prokrastination geht an die Substanz – und an die Existenz. Wir reden hier nicht davon, dass jede(r) von uns hie und da unangenehme Aufgaben vor sich her schiebt. Wir reden von Kisten mit der ungeöffneten Post von Jahren, von Tonnen ganz wichtiger Zeitungen, die demnächst einmal aussortiert werden wollen, wir reden von beschämenden Erlebnissen mit Behörden, von Realitätsverweigerung bis hin zur Delogierung und im schlimmsten Fall dem Verlust einer „normalen“ Existenz.

Wie aus Marotten eine existenzbedrohende „Arbeitsstörung“ wird (so die Definition), damit wird sich diese Site beschäftigen.

Was also ist (pathologische – krank machende) Prokrastination?

Wikipedia hat wie immer eine Antwort:
Prokrastination (lateinisch procrastinare „vertagen“; Zusammensetzung aus pro „für“ und cras „morgen“), auch extremes Aufschieben, ist eine Arbeitsstörung, die durch ein nicht nötiges Vertagen des Arbeitsbeginns oder auch durch sehr häufiges Unterbrechen des Arbeitens gekennzeichnet ist, sodass ein Fertigstellen der Aufgaben gar nicht oder nur unter enormem Druck zustande kommt. Dies geht fast immer mit einem beträchtlichen Leidensdruck einher.

Pathologisches Aufschieben muss unterschieden werden vom alltäglichen Trödeln, zum Beispiel vom Aufschieben bei aversiven Aufgaben, das viele Menschen kennen (nur 1,5 % einer studentischen Population berichteten, gar nicht aufzuschieben), dem Vertagen von Aufgaben aufgrund anderer, nötiger Prioritätensetzung sowie einem erfolgreichen Arbeiten kurz vor einer Frist, wodurch es weder zu Leistungseinbußen noch zu subjektivem Leiden kommt. Während umgangssprachlich häufig vom „Studentensyndrom“ gesprochen wird, handelt es sich bei Prokrastination um eine in der Gesamtpopulation vorkommende Arbeitsstörung, die besonders bei Personen zutage tritt, die hauptsächlich selbstgesteuert arbeiten müssen (z. B. Studenten, Anwälte, Journalisten, Lehrer). Betroffene leiden meist dauerhaft darunter, berichten teilweise, bereits zu Schulzeiten Probleme gehabt zu haben, und erleben dies auch in ihrem späteren Berufs- und Privatleben.

Was mir hier gleich ins Auge fällt ist die Bestätigung meiner Annahme, dass Prokrastination verstärkt bei „selbstgesteuerten“ Menschen auftritt oder besser gesagt in Erscheinung tritt. Als Angestellte hatte ich dieses Problem im Arbeitsleben praktisch nie. Sprich „für andere“ funktioniere ich viel besser als „nur für mich“. In der Schulzeit hingegen hatte ich tatsächlich Probleme mit Aufschieben, ich kann mich nicht erinnern, jemals außerhalb von 1 Tag vor Prüfungen/Arbeiten aktiv gelernt zu haben.

Wieso kommt mir jetzt der Gedanke von APK-Gruppen (Anonyme Prokrastinierer), die einander helfen, mit dem Problem umzugehen. Ich werde diesen Gedanken vertiefen. Regionale Gruppen? Regelmäßige Treffen? Nur mal so in die Runde gedacht…

Ist Prokrastination ansteckend und/oder vererbbar?

Vererbbar sicher nicht, denn in diesem Fall wäre ich ein höchst disziplinierter Mensch 😉 Ansteckend? Jein! Natürlich sieht man in Mitmenschen Vorbilder ODER man findet in ihnen die Rechtfertigung/Bestätigung des eigenen Handelns. Somit kann Prokrastination durchaus abfärben…

Prokrastination – die Schwester der Depression?

Nicht zwangsläufig. Dass es deprimierend ist, ständig mit den eigenen Unzulänglichkeiten konfrontiert zu sein, stell ich nicht in Frage. Der tägliche Kampf gegen die Verschieberitis ist weder motivierend noch stimmungsaufhellend. Ich behaupte aber mal ganz laienhaft, die Prokrastination widerspricht sogar einer Depression. Das Überleben wird dadurch gesichert, dass wir uns täglich vorbeten, dass wir morgen ganz sicher alles erledigen, dass morgen alles besser wird und dass wir morgen all das schaffen, was wir seit Jahren vor uns her schieben. Und das ist doch eigentlich klassisches „Positive Thinking„, oder?

Ist Prokrastination heilbar?

Ich will ja niemanden die Illusion rauben, aber meiner Überzeugung nach ist die Verschieberitis nicht heilbar. Sie ist sicher beherrschbar – und nachdem sie seit einiger Zeit als Persönlichkeitsstörung anerkannt ist, gibt es Programme und Therapien, die helfen können.

Nicht von ungefähr hat die „Anerkennung“ damit begonnen, dass im Umfeld von Studierenden Workshops und therapeutische Angebote zu dem Thema entstanden sind. An der Uni Münster gibt es sogar eine Prokrastinationsambulanz und ich gehe davon aus, dass es auch Therapeuten gibt, die auf Prokrastination spezialisiert sind.
Vielleicht kennt Ihr ja Angebote in dieser Richtung in Deutschland, Österreich, Schweiz, die Ihr empfehlen könnt. Dann schreibt diese doch bitte in einen Kommentar, ich möchte diese auf einer eigenen Seite sammeln.

Der Prokrastinations-Selbsttest

Hervorzuheben ist ganz sicher der Selbsttest der Prokrastinationsambulanz an der Uni Münster, der etwa 20 Minuten Eurer Zeit in Anspruch nimmt. Mein „Score“ ist 95% oder positiver ausgedrückt (wenn man so will), ich gehöre zur 5% Spitze der pathologischen Prokrastinierer. Deprimierend? Jein! Ich habe das Gefühl, dass ich mich endlich ernsthaft mit dem Problem auseinandersetze und dass es Menschen/Einrichtungen gibt, die anerkennen, dass es sich nicht nur um eine Attitüde handelt.

Ich glaube, für heute reicht’s mal, ich werde morgen (voraussichtlich 😉 ein bisschen näher auf die verschiedenen Typen der Prokrastinatoren eingehen. Aber jetzt versuch ich mal mein Video auf die Reihe zu kriegen.

P.S.: Das Gegenteil der Prokrastination ist übrigens die Präkrastination (und auch die hat so ihre Tücken) – doch dazu ein anderes Mal…

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8 Kommentare auf "Prokrastination – von Mythen & Marotten"

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Margerit+Enfeld
Gast
„wir morgen ganz sicher alles erledigen, dass morgen alles besser wird und dass wir morgen all das schaffen, was wir seit Jahren vor uns her schieben. Und das ist doch eigentlich klassisches „Positive Thinking„, oder?“ Nein! Jedes „Fürbitten auf morgen“ sprich meine Entscheidung „heute nicht“, ist der Wegbereiter für die Talfahrt meiner Gefühle in den tiefsten Keller, wo ich die Scham darüber wunderbar verstecken und ausleben kann. Wieder einmal nachgegeben, mich verweigert, warum tu ich das? Warum herrscht in meinen Gedanken diese Art von Anarchie obwohl mir doch bewusst ist, dass es ohne Ordnung / Plichten nicht geht? Aber wer… Read more »
Thea Lücke
Gast
„… macht süchtig wie Rauchen …“ – ich nehme dieses Thema mal auf, weil ich mich beim Selbst-Test gewundert habe, warum nach Konsum von diversen Substanzen gefragt wird – Nikotin aber überhaupt nicht erwähnt wird. Für mich ist das sehr wohl ein Thema, weil ich als Rauchrin zwar nicht davon lassen kann, mir aber durchaus viele Gedanken dazu mache. Ich habe bei der Uni Münster nach gefragt, woraus dann eine kleine Email-Korrespondenz enstanden ist (als pdf einsehbar – Link im Anschluss) – ich am Ende zwar nicht schlauer war bzgl. der Nikotin-Frage, aber immerhin eine Buch-Empfehlung bekomme habe: „Heute fange… Read more »
Margerit+Enfeld
Gast
Danke Thea, dass du das Thema Rauchen aufgegriffen hast. Das hat mich dazu gebracht, Prokrastination mal von einer anderen Seite aus zu betrachten. Auf der Suche nach dem berühmten „Ausschalter“ bin ich in 35 Jahren leider auch noch nicht fündig geworden. Unzählige Strategien und Selbstbetrügereien, etliche erfolglose Entzüge, die Tatsache, dass vorhandene gesundheitliche Schäden eindeutig darauf zurückzuführen sind, die Bitten von Herzensmenschen -wenn nicht um meinetwillen dann für sie-. Ich füge sehenden Auges meiner Gesundheit Schaden zu, und – kann trotzdem nicht die Finger davon lassen. Wann der Beginn meiner Nikotinsucht war, weiß ich genau. Wie kommt es, dass ich… Read more »
Karin
Gast

Beim Ausfüllen des Tests dachte ich: Das klingt ja gar nicht so schlimm, ich werde zu 50 % bis 60 % prokrastinieren.
Aber nein, genau wie bei dir: 95 %.
(Es könnte natürlich sein, dass der Entwickler des Test die Fertigstellung desselben vor sich her schiebt und bisher nur die Auswertung 95 % vorliegt, diese wird jetzt jedem angezeigt.)

Thea Lücke
Gast
Ich hab auch 95% – und wie auch immer die das nun errechnet haben, war ich doch erstaunt, wie treffend das Feedback letztendlich war – konnte mich durchaus damit identifizieren. Uff, dieser Test war echt anstrengend bzw. hat viel Zeit gekostet – habe ihn sehr gewissenhaft gemacht u. hatte dabei ganz viele Einfälle, weiterführende Fragen, Anmerkungen … und wusste gar nicht wohin damit – so’n Häkchen-Test ist da ja gnadenlos u. lässt keine weiteren persönliche Kommentare zu. Nur ganz zum Schluss gab es hierzu Möglichkeit, aber da reichte meine Aufmerksamkeit nicht mehr für eine schlüssige Formulierung all dessen, was mir… Read more »